Warum ein Geländer nicht einengt
Wenn du am Berg auf einem schmalen Weg gehst und rechts geht es steil hinunter, tut ein Geländer nicht das, was man ihm nachsagt. Es hält dich nicht auf. Es lässt dich schneller gehen und näher an die Kante, als du es ohne je tun würdest. Dieselbe Leitplanke ist der Grund, warum du auf einer Straße überhaupt schnell fahren darfst.
Beim Trading werden Regeln fast immer als Verzicht verstanden. Als etwas, das man sich auferlegt, weil man sich sonst nicht im Griff hat. Und genau deshalb halten sie nicht. Was sich wie Selbstbestrafung anfühlt, wirft man weg, sobald es eng wird.
Brett N. Steenbarger, der bekannteste Autor zur Trading-Psychologie, beschreibt Regeln in seiner Lektion 37 nicht als Verzicht, sondern als Übergang:
Regeln sind die Brücke zwischen neuem Verhalten und einer Gewohnheit.
Brett N. Steenbarger, The Daily Trading Coach, Lektion 37
Sein Bild dafür passt genau zum Geländer. Wer sich an eine Regel hält, entscheidet sich bewusst gegen das, wonach ihm im Moment ist. Das ist dasselbe, schreibt er, was uns auf der richtigen Straßenseite fahren lässt, auch wenn wir es eilig haben. Regeln sind Kontrollen für unsere Impulse: Sie halten uns bei der richtigen Handlung, auch wenn wir gerade nicht geneigt sind, in unserem eigenen Interesse zu handeln.
Was hier steht
- Du weißt es, und tust es trotzdem nicht
- "Sei diszipliniert" ist keine Regel
- Der Test: drei Fragen an jede Regel
- Sichtbar halten, so wie es zu dir passt
- Wann eine Regel geändert werden darf
- Dein Regelblatt
Du weißt es, und tust es trotzdem nicht
Jeder Trader kennt den Satz: Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen. Es gibt kaum eine Regel, die häufiger wiederholt wird. Und es gibt kaum eine, die häufiger gebrochen wird.
Terrance Odean hat das 1998 nachgerechnet, an 10.000 Depots eines großen Discount-Brokers über sieben Jahre.
Seine Frage war eng gestellt, und genau darauf kommt es an. Sie lautete nicht: Wer hat am Ende Gewinn gemacht? Sondern: Du hast zwei Positionen offen, eine steht im Plus, eine im Minus. Welche von beiden schließt du heute?
Das Ergebnis, über sieben Jahre und alle Depots gerechnet: Die Position im Plus wird über fünfzig Prozent häufiger geschlossen als die im Minus. Der Gewinn wird mitgenommen. Der Verlust bleibt offen und läuft weiter.
Das ist Wort für Wort das Gegenteil der Regel, die jeder kennt.
Die naheliegenden Erklärungen hat Odean einzeln geprüft. Es ist kein Umschichten des Depots. Es liegt nicht an Handelskosten. Und auch außerhalb des Dezembers, wenn keine Steuergründe greifen, bleibt der Effekt gleich stark.
Bleibt die eine Erklärung, die jeder Trader schon selbst benutzt hat: Das kommt schon wieder. Also hat Odean nachgesehen, wie es weiterging. Die Gewinner, die verkauft wurden, brachten im folgenden Jahr im Schnitt 3,4 Prozentpunkte mehr als die Verlierer, an denen festgehalten wurde. Wer aussitzt und auf die Rückkehr wartet, liegt im Durchschnitt falsch.
Jetzt könnte man sagen: Privatanleger eben. Aber es gibt dieselbe Untersuchung für Berufshändler. Peter Locke und Steven Mann haben professionelle Futures-Daytrader ausgewertet und ihre Ergebnisse mit der Haltedauer von Verlusten in Beziehung gesetzt. Alle halten Verluste länger als Gewinne. Ausnahmslos. Aber die am wenigsten erfolgreichen halten sie am längsten, und die erfolgreichsten am kürzesten.
Das ist die eigentliche Nachricht, und sie ist eine gute. Der Impuls verschwindet nicht. Auch nicht nach zwanzig Jahren im Beruf. Was den Unterschied macht, ist nicht, ob du ihn hast, sondern wie schnell du trotzdem tust, was du dir vorgenommen hast.
Genau dafür ist eine Regel da.
"Sei diszipliniert" ist keine Regel
Hier liegt der Fehler, den fast jede Regelliste im Netz macht.
Die Verhaltensforschung ist an dieser Stelle ungewöhnlich eindeutig. Eine Metaanalyse über 94 unabhängige Tests hat verglichen, was Vorsätze tatsächlich verändert, und fand für eine bestimmte Form eine mittlere bis große Wirkung. Diese Form hat immer denselben Bau:
Wenn Situation Y eintritt, dann tue ich X.
Allgemeine Absichten haben diese Wirkung nicht. "Ich will diszipliniert sein", "ich will geduldiger werden", "ich werde nicht mehr gierig" sind keine Vorsätze in diesem Sinne. Es sind Wünsche. Sie geben deinem Gehirn nichts, woran es im entscheidenden Moment andocken könnte, weil sie keinen Moment benennen.
Der Test: drei Fragen an jede Regel
Nimm deine eigene Liste und prüfe jede Zeile.
Kann ich sie überprüfen? Am Abend, mit ja oder nein, ohne Diskussion. "Ich werde nicht gierig" kann niemand überprüfen, auch du selbst nicht. "Maximal drei Verlusttrades, dann ist Schluss" kannst du überprüfen.
Nennt sie eine Situation? Nicht einen Zustand, den du erreichen willst, sondern einen Moment, den du erkennst. Wenn ich zwei Verluste in Folge habe. Wenn der Druck auf der Brust kommt. Wenn das Setup bis 11 Uhr nicht da ist.
Stand sie vorher fest? Eine Regel, die im laufenden Trade entsteht, ist keine Regel. Sie ist eine Begründung.
Zwei Ebenen: Haltung und Regel
Ein Manifest und ein Regelwerk sind zwei verschiedene Dinge, und du brauchst beide.
Ein Manifest beschreibt, wer du sein willst. Es steht über dem einzelnen Handelstag, es ist absichtlich weit gefasst, und es ist nicht dafür gemacht, am Abend abgehakt zu werden. Eine Regel beschreibt, was du tust, wenn etwas Bestimmtes passiert. Sie ist eng, konkret und mit ja oder nein zu beantworten.
Mein eigenes Trading Manifesto ist die erste Ebene, und genau dafür ist es geschrieben:
Ich handle den Chart, nicht das, was ich denke oder fühle.
Ich bin geduldig und warte auf das richtige Setup.
Ich steige nur ein, wenn ein A+++ Setup da ist.
Ich werde nicht gierig.
Ich steige nicht aus FOMO ein.
Ich handle nie zu viel.
Ich mache nie einen Revenge-Trade.
Wenn ich in einer Position Stress habe, reduziere ich meine Positionsgröße.
Das sind Haltungen. Sie sagen mir, woran ich mich ausrichte, wenn ich morgens die Plattform aufmache. Eine Zeile darin ist zugleich schon eine fertige Regel, die letzte. Sie nennt eine Situation, die ich erkenne, und eine Handlung, die ich ausführen kann.
Die eigentliche Arbeit besteht darin, aus der ersten Ebene die zweite zu bauen. Aus "ich handle nie zu viel" wird "maximal fünf Trades pro Tag, der sechste wird nicht ausgeführt". Aus "ich steige nicht aus FOMO ein" wird "wenn eine Bewegung ohne mich schon läuft, steige ich nicht mehr ein". Und aus dem A+++ Setup wird erst dann eine Regel, wenn irgendwo steht, was A+++ bei mir konkret bedeutet.
Das ist der Schritt, den fast niemand macht. Die Haltung haben die meisten. Die Übersetzung fehlt.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ich habe mit einem Trader gearbeitet, dem es schwerfiel, über längere Zeit voll konzentriert vor den Charts zu sitzen. Wir haben gemeinsam herausgefunden, dass es bei ihm immer gleich anfing: ein Druckgefühl auf der Brust, dann wurde die Atmung enger. Danach übernahm die Emotion.
Das Bemerkenswerte war: Er hat das gespürt. Er wusste es sogar. Und er hat trotzdem weitergemacht wie bisher. Das ist kein Mangel an Disziplin. Ihm fehlte der nächste Schritt. Er hatte ein Warnsignal, aber keinen Mechanismus, der daran hängt.
Ich habe ihn zwei Dinge gefragt. Wie oft machst du Pause? Antwort: nach zwei Stunden, wenn er durch ist. Und: Was machst du privat, wenn du unter Stress stehst? Da kam die Antwort sofort, ohne Nachdenken. Er hatte eine Tätigkeit aus seinem Privatleben, die ihn zuverlässig herunterbrachte, etwas ganz anderes als Bildschirmarbeit.
Daraus haben wir zwei Regeln gebaut. Erstens: alle 45 Minuten Pause, die Session umgebaut auf dreimal 45 Minuten. Unterm Strich hatte er dadurch mehr Handelszeit als vorher, und sie war klarer. Zweitens: wenn der Druck auf der Brust kommt, dann fünf Minuten das Andere. Nicht "dann beruhige ich mich", sondern eine konkrete Handlung an einem konkreten Signal.
(Der Fall ist verfremdet. Muster und Vorgehen sind echt, die persönlichen Details nicht.)
Sichtbar halten, so wie es zu dir passt
Eine Regel im Kopf ist eine Erinnerung, und Erinnerungen verlieren gegen den Markt, weil der Markt lauter ist. Sie muss dahin, wo du ohnehin hinschaust.
Viele Trading-Plattformen können das schon. Du kannst deine Regeln direkt in der Chartansicht hinterlegen, oben links, mit Stop-Loss, Drawdown und dem, was für dich sonst zählt, und eigene Zeilen ergänzen. Ob das geht und wie, hängt von deinem Setup ab. Wenn deine Plattform es nicht kann, tut es ein Post-it am Rahmen genauso.
Wie du dich darauf einschwingst, musst du ausprobieren. Ich sehe alle Varianten:
- Zettel am Bildschirm
- die Regeln morgens laut vorlesen
- eine Regel des Tages, die gerade besonders relevant ist
- und die, die es einfach wissen, weil es lange genug drin ist
Es gibt hier kein Richtig. Es gibt nur das, was bei dir hält.
Und eine ehrliche Anmerkung dazu: Wenn du es drei Wochen lang sein lässt, passiert nichts. Niemand kommt vorbei und kontrolliert das. Es ist dein Geld, dein Konto, dein Thema. Genau deshalb funktioniert auch keine Regel, die du dir nicht selbst gegeben hast.
Wann eine Regel geändert werden darf
Hier hört das Bild vom Geländer auf zu passen. Ein Geländer ist starr. Ein Markt ist es nicht.
Ob eine Regel geändert gehört, findest du nicht mitten im Handel heraus, sondern danach. Im Rückblick auf den Tag, mit drei Fragen: Was war gut? Was war schlecht? Und was braucht meine Aufmerksamkeit?
Die dritte Frage ist die entscheidende. Wenn dort über Wochen immer wieder dasselbe steht, ist das kein Disziplinproblem mehr. Dann stimmt etwas an der Regel nicht, und sie gehört angeschaut.
Wichtig ist, wann das passiert. Nie während des Handelns. Änderungen am Regelwerk werden mit Abstand geschrieben, nach der Reflexion, außerhalb des Prozesses. Und bevor du in die nächste Session gehst, liest du die neue Fassung noch einmal und prüfst sie.
Alles, was mitten in einer Position passiert, ist kein Ändern. Es ist ein Brechen mit besserer Begründung.
Wo die Reflexion im Ablauf eines Handelstags sitzt und warum fast alle sie überspringen, steht in Trading-Psychologie: Die vier Phasen deines Handelstags.
Dein Regelblatt
Nimm einen Vorsatz, den du dir schon oft vorgenommen hast, und übersetze ihn.
Was ich mir vornehme:
Die Situation, an der ich es merke:
Was ich dann konkret tue:
| Wunsch | Regel |
|---|---|
| Ich will nicht mehr aus Langeweile einsteigen | Wenn bis 11 Uhr kein Setup da war, schließe ich die Plattform bis 14 Uhr |
| Ich will nach Verlusten ruhiger werden | Wenn ich zwei Verluste in Folge habe, stehe ich auf und gehe zehn Minuten vor die Tür |
| Ich will meine Positionsgröße im Griff behalten | Wenn ich die Größe erhöhen will, obwohl es nicht im Plan stand, mache ich den Trade in Standardgröße |
Die Situation, für die Trader so eine Regel am dringendsten brauchen, ist der Moment nach einem Verlust. Was dort im Kopf passiert und woran du es früh merkst, steht in Revenge Trading: den Moment erkennen, in dem die Emotion übernimmt.
Am Abend prüfst du nicht "war ich diszipliniert", sondern jede Regel einzeln mit ja oder nein. Und bei jedem Nein die eine Frage, die weiterführt: Was war unmittelbar davor?
Und falls dir das nach viel Aufwand für ein paar Sätze klingt: Ohne diese Sätze tust du im entscheidenden Moment genau das, was Odean an 10.000 Depots gemessen hat. Es ist Wort für Wort das Gegenteil von "Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen".
Wie ich damit arbeite
Im Coaching bauen wir deine Regeln nicht aus einer Liste zusammen, sondern aus deinen eigenen Verlusten. Wir schauen, wo es bei dir kippt, welches Signal davor kommt, und was du in dem Moment realistisch tun kannst. Daraus wird ein Satz, den du am Abend prüfen kannst.
Der erste Schritt ist ein kurzes, unverbindliches Kennenlerngespräch.
Über die Autorin
Angelika Behling ist Performance Coach für Trader. Mehr als elf Jahre Coaching-Erfahrung, über 410 begleitete Trader und Teams. Sie handelt selbst eigenes Kapital. Kontakt und Terminbuchung unter coachfortraders.com.
Quellen
- Odean, T. (1998). Are Investors Reluctant to Realize Their Losses? The Journal of Finance, 53(5), 1775–1798. (10.000 Depots eines großen Discount-Brokers, 1987 bis 1993; Verhältnis der Verkaufswahrscheinlichkeiten gut 1,5)
- Locke, P. R. & Mann, S. C. (2005). Professional trader discipline and trade disposition. Journal of Financial Economics, 76(2), 401–444.
- Gollwitzer, P. M. & Sheeran, P. (2006). Implementation Intentions and Goal Achievement: A Meta-Analysis of Effects and Processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69–119. (94 unabhängige Tests, Effektstärke d = 0,65)
- Steenbarger, B. N. (2009). The Daily Trading Coach, Lektion 37: Build Your Consistency by Becoming Rule-Governed.