Mein erster Sprung war nur der Sprung
Als ich das erste Mal aus einem Flugzeug gesprungen bin, ging es mir ausschließlich um den Sprung. Um den Kick. Ums Machen. Alles davor war Beiwerk, etwas, das man abhaken muss, bevor es endlich losgeht.
Je öfter ich gesprungen bin, desto mehr hat sich das umgedreht. Irgendwann war der Sprung der kürzeste und am wenigsten interessante Teil. Alles, was zählte, lag davor und danach.
Ich bin keine professionelle Fallschirmspringerin. Aber dieses Bild ist das erste, das mir in den Sinn kam, als ich anfing, mit Tradern zu arbeiten, und es hat sich seitdem nicht abgenutzt. Denn beim Trading ist es genau dasselbe. Wer anfängt, redet über den Einstieg. Wer lange dabei ist, redet über alles andere.
Und dahinter steht immer dasselbe Ziel. Was wir als Trader wollen, ist im vollen Besitz unserer kognitiven Kräfte zu sein. Wir wollen, dass das rationale Gehirn entscheidet und nicht das emotionale.
Das gelingt aber nur, wenn wir wissen, wo wir emotional gerade stehen. Und dafür muss vorher etwas getan werden. Lieber vorher eine Hausaufgabe machen, als sich hinterher mitten im Trade von der Emotion einholen zu lassen. Denn dann kostet sie Geld.
Was hier steht
- Vier Phasen, und der Sprung ist nur eine davon
- Die meisten scheitern nicht an Phase 2
- Phase 1: Der Check, den fast alle auslassen
- Phase 3: Der Moment, in dem es kippt
- Phase 4: Die Landung
- Der Selbsttest: In welcher Phase verlierst du dein Geld?
Vier Phasen, und der Sprung ist nur eine davon
Bevor jemand springt, ist er schon einen halben Tag beschäftigt. In dieser Reihenfolge: erst er selbst, dann das Umfeld, dann die Ausrüstung. Erst wenn das steht, steigt er ins Flugzeug.
Dann kommt der Moment vor der Tür, dann der Absprung. Und ganz am Ende die Landung, bei der es nicht darum geht, wie spektakulär es war, sondern ob man sicher mit beiden Füßen unten ankommt.
Ein Handelstag ist genauso gebaut.
| Phase | Beim Sprung | Beim Traden |
|---|---|---|
| 1. Der Check mit dir selbst | Verfassung, Schlaf, Ernährung | Deine Tagesform, bevor du den ersten Chart öffnest |
| 2. Umfeld und Ausrüstung | Wetter, Wind, Ziel des Sprungs, geprüfter Schirm | Marktlage, Tagesziel, Setup, Stop, Positionsgröße |
| 3. Der Absprung | Volle Kapazität, auch wenn Ungeplantes kommt | Die Ausführung, unter Zeitdruck und mit realen Folgen |
| 4. Die Landung | Sicher mit beiden Füßen ankommen | Der Rückblick auf den Handelstag |
Mit einem Unterschied, der alles verändert: Ein Springer landet und ist fertig. Du fängst wieder von vorne an.
Die meisten scheitern nicht an Phase 2
Was ich in der Arbeit mit Tradern immer wieder sehe: Phase 2 können die meisten Trader hervorragend. Sie kennen ihren Markt, sie haben gutes Werkzeug, viele haben klare Routinen. Übersprungen werden Phase 1 und Phase 4. Fast immer beide.
Die Zahlen aus der Branche zeigen in dieselbe Richtung. In einer Auswertung von über 300.000 Prop-Firmen-Konten bestehen 14 Prozent der Trader die Prüfung, und nur 7 Prozent bekommen je eine Auszahlung. Der häufigste Grund für das Scheitern ist nicht, dass jemand seine Strategie nicht kannte. Es ist das gerissene Tagesverlustlimit: gesprengt in einer einzigen schlechten Sitzung, nicht langsam zermahlen.
Das ist kein Wissensproblem. Das ist ein Problem der Phasen, die niemand übt. Wie so eine einzelne Sitzung abläuft, in der alles kippt, steht in Revenge Trading: den Moment erkennen, in dem die Emotion übernimmt.
Phase 1: Der Check, den fast alle auslassen
Vor jeder Abiturprüfung wird man gefragt, ob man sich in der Verfassung fühlt, diese Prüfung heute abzulegen. Es gibt einen Grund, warum diese Frage gestellt wird. Und es gibt einen Grund, warum niemand sie sich vor dem Handelstag stellt: Sie ist unbequem. Die ehrliche Antwort kann "nein" lauten.
Trader haben oft klare Routinen. Kaffee, Nachrichten, Charts, Plattform auf. Was fehlt, ist der Moment dazwischen, in dem sie sich selbst anschauen statt den Markt.
Wer das professionell macht, fragt nicht nur. Er hat ein Werkzeug dafür.
Das einfachste ist eine Minute Atmen. Nicht meditieren, nicht entspannen. Nur eine Minute die Aufmerksamkeit auf den Atem legen und danach schauen, was im Kopf hochkommt. Was in dieser Minute auftaucht, ist meistens genau das, was sonst um 15:30 Uhr die Entscheidung übernommen hätte.
Das zweite Werkzeug ist ein Dreieck: Körper, Kopf, Herz.
Beim Kopf ist das Aufschreiben wichtiger, als es klingt. Es ist kein Ordnungsfimmel, sondern eine Erlaubnis: Das Thema darf Pause machen, weil es nicht verloren geht.
Der entscheidende Punkt: Es ist völlig in Ordnung, dass da etwas ist. Es geht nicht darum, es wegzumachen. Es geht darum, es zu wissen, denn nur was du weißt, kannst du einrechnen.
Und dann kommt die eigentliche Frage: Kann ich das heute leisten?
Phase 3: Der Moment, in dem es kippt
Beim Springen ist es die Situation, mit der niemand gerechnet hat. Ein Luftloch. Etwas, das sofort eine Entscheidung erzwingt, während du weißt, dass diese Entscheidung Folgen hat.
Beim Traden sieht dieser Moment bei jedem anders aus. Bei vielen meiner Klienten ist es nicht die große Marktbewegung, sondern etwas viel Leiseres: Ungeduld. Es passiert nichts, das Setup kommt nicht, und irgendwann nimmt man eben das, was da ist.
Fast immer kündigt sich das vorher an. Nur nicht im Kopf, sondern im Körper. Enger werdende Atmung, Druck auf der Brust, ein zusammengebissener Kiefer. Wer sein eigenes Zeichen kennt, hat ein paar Sekunden Vorsprung, und mehr braucht es nicht.
Diese Sekunden nutzt man aber nur, wenn vorher feststeht, was dann passiert. Nicht "dann reiße ich mich zusammen", sondern eine konkrete Handlung an einem konkreten Signal. Das ist die wirksamste Form der Verhaltensänderung, die die Forschung kennt: Eine Metaanalyse über 94 Studien fand für solche Wenn-dann-Vorsätze eine mittlere bis große Wirkung. Allgemeine Vorsätze wirken nicht, konkrete schon. Wie du daraus Regeln machst, die im Ernstfall halten, steht in Warum du deine eigenen Regeln brichst, obwohl du sie kennst.
Phase 4: Die Landung
Hier ist die zweite große Lücke. Der letzte Trade ist zu, man ist euphorisch oder eben nicht, und dann ist man einfach fertig. Kein Rückblick. Damit ist ein Datenpunkt verloren, den man nie wieder bekommt. Ein Flugzeug checkt ein und wieder aus. Genau so sollte ein Handelstag laufen.
Und jetzt der Teil, den ich für den wichtigsten halte.
Wenn jemand mir sagt, er hat heute 800 Euro verloren, dann sagt mir diese Zahl für sich genommen nichts. Lesbar wird sie erst durch zwei Angaben: Wie viel Risiko war für heute vorgesehen, und wie sind die 800 zustande gekommen?
Auf die zweite Frage gibt es drei völlig verschiedene Antworten.
- Du hast eine Entscheidung falsch getroffen.
- Du warst in dem Moment gar nicht in der Verfassung zu entscheiden.
- Der Markt hat gemacht, was Märkte manchmal machen, und du hast dich an alles gehalten.
Das sind drei verschiedene Tage, und sie brauchen drei verschiedene Konsequenzen. Die Zahl 800 ist bei allen dreien dieselbe.
Wer nach drei Verlusttrades aufhört, weil genau das seine Regel ist, und keiner davon größer war als sein festgelegter Rahmen, der hat einen guten Tag gehabt. Auch mit einem Minus.
Deshalb geht das Tagesresümee über beides. Über Gewinn und Verlust, ja. Aber genauso über: Wie konsequent war ich? Wie diszipliniert? Was hätte ich besser machen können? Und vor allem: Was habe ich getan, um nicht noch mehr zu verlieren?
Das ist eine größere Frage als gut oder schlecht, und sie ist die einzige, aus der man etwas lernen kann.
Wo das Bild aufhört zu passen
Ein Fallschirmspringer springt einmal. Ein Trader springt an einem Vormittag immer wieder.
Ich will das nicht überdehnen, aber die Richtung stimmt: dieselbe Art von Belastung, dieselben Fähigkeiten, dieselbe Erschöpfung danach, nur verdichtet auf zwei Stunden. Und genau deshalb sind Pausen kein Luxus, sondern Teil der Ausrüstung. Kein Springer würde fünfmal hintereinander springen, ohne dazwischen das Material zu prüfen. Beim Traden ist das Material dein Kopf.
Der Selbsttest: In welcher Phase verlierst du dein Geld?
Zwölf Aussagen, vier Blöcke. Beantworte jede ehrlich mit ja oder nein.
Phase 1, der Check mit dir selbst
- Ich weiß vor dem ersten Chart, in welcher Verfassung ich heute bin.
- Ich prüfe das auf eine feste Art, nicht nur nach Gefühl.
- In den letzten drei Monaten gab es mindestens einen Tag, an dem ich deshalb nicht gehandelt habe.
Phase 2, Umfeld und Ausrüstung
- Ich weiß vor dem Start, was ich heute handle und was nicht.
- Mein Tagesziel ist etwas anderes als "Geld verdienen".
- Meine Verlustgrenze für heute steht fest, bevor der erste Trade läuft.
Phase 3, der Absprung
- Ich kenne mein persönliches Frühwarnsignal, und zwar körperlich.
- Es hängt eine feste Handlung daran, die ich vorher festgelegt habe.
- Meine Pausen stehen im Kalender, nicht in meinem Ermessen.
Phase 4, die Landung
- Ich schließe den Handelstag bewusst ab, auch wenn er gut lief.
- Mein Rückblick fragt nach Regeltreue, nicht nur nach dem Ergebnis.
- Ich nehme genau eine Sache für morgen mit und schreibe sie auf.
Was das Ergebnis bedeutet
Die meisten Neins in Block 2. Das ist selten. Dann ist deine Baustelle Handwerk, nicht Psychologie, und das ist eine gute Nachricht, weil es schnell zu lernen ist.
Die meisten Neins in Block 1 oder 4. Damit bist du in der Mehrheit. Und das ist die Stelle, an der am schnellsten etwas passiert, weil beide Phasen zusammen weniger als zehn Minuten am Tag kosten.
Die meisten Neins in Block 3. Fang trotzdem bei Block 1 an. Was in Phase 3 kippt, ist meistens in Phase 1 schon angelegt.
Wie ich damit arbeite
Im Coaching gehen wir genau diese vier Phasen durch und suchen, wo es bei dir kippt. Das ist Detektivarbeit: wie du dich vorbereitest, wie du sitzt, wie oft du Pause machst, woran du merkst, dass sich etwas anbahnt. Aus dem, was wir finden, bauen wir Werkzeuge, die zu dir passen. Nicht zu mir, und nicht zu einem Lehrbuch.
Der erste Schritt ist ein kurzes, unverbindliches Kennenlerngespräch.
Über die Autorin
Angelika Behling ist Performance Coach für Trader. Mehr als elf Jahre Coaching-Erfahrung, über 410 begleitete Trader und Teams. Sie handelt selbst eigenes Kapital. Kontakt und Terminbuchung unter coachfortraders.com.
Quellen
- Gollwitzer, P. M. & Sheeran, P. (2006). Implementation Intentions and Goal Achievement: A Meta-Analysis of Effects and Processes. Advances in Experimental Social Psychology, 38, 69–119. (94 unabhängige Tests, Effektstärke d = 0,65)
- Auswertung von über 300.000 Prop-Firmen-Konten von rund 100.000 Tradern bei zehn Anbietern, Daten von FPFX Tech, aufbereitet bei hoc-trade.